Montag, 5. Juli 2010
1000 und Eine Sucht...
Ich werde wieder einmal ein wenig aus der Vergangenheit berichten.

Ritzen
Meine Freundin zeigte von Anfang an selbstverletzendes Verhalten, auch wenn mir das Anfangs nicht auffiel.
Als ich Sie kennen lernte, bemerkte ich die total vernarbten Arme. Viele 2-4 cm lange narben, alle Quer zum Arm. Sie ritzte sich.... und zwar regelmäßig.
Meißt bemerkte ich neue Narben gar nicht, da Sie diese oft gekonnt unter Ihrer Kleidung zu verstecken wusste. Erst in Momenten, in denen Sie selbst die Narben vergessen hatte und Sie gelegentlich ein kurzärmliges T-Shirt trug, sah ich die frischen, blutunterlaufenen Linien.
Manche der Narben verliefen, zu meiner Beunruhigung, entlang der Pulsadern... Sie schwebte, so dachte ich, in Lebensgefahr... Sie wollte sich umbringen....
vielleicht war das so, vielleicht war das aber auch nur ein Ausdruck ihrer Traurigkeit und ihrem bis dato emotionslosem Leben.
Sie erkannte erst sehr langsam dass das Leben schöne Seiten haben kann... auch im nüchternen Zustand, wobei wir direkt beim nächsten thema wären.

Der Alkohol
Als Sie die ersten zwei drei male bei mir war hatte ICH stehts irgendwo etwas Alkohol im haus, meist Reste von irgendwelchen Feierlichkeiten.
Da ich selbst kaum Alkohol trinke, insbesondere keine harten Sachen, stand dies also längere zeit von mir unberührt im Schrank oder in der Vitrine herum.
Als ich eines Tages von der Arbeit kam und einen Schrank öffnete, bemerkte ich dass eine Halbvolle Flasche Wodka auf einmal gelert war. Ich stellte Sie zur Rede... und Sie gestand mir dass Sie ein Alkoholproblem habe, da dies nicht der erste Vorfall war.
Bei verschiedenen Feierlichkeiten versuchte ich das Problem irgendwie zu beachten, was aber als junger Mensch schwer fällt. Außerdem dachte ich es wäre nur ein Hirngespinnst,... war es aber nicht.
bei jeder Feierlichkeit bei denen Freunde eingeladen waren gab es beim Thema Alkohol kein halten mehr. Ich erkannte meine Freundin dann selbst nicht mehr wieder und fand das ganze doch ziemlich peinlich. Irgendwann, nach vielem Reden von mir begriff Sie die Problematik und hörte auf mit dem Trinken. Das ganze ist nun immerhin 2 Jahre her. Und mit ihren jungen 22 Jahren ist es ziemlich schwierig überall nein zu sagen.
Selbst bei Geburtstagen, wurden dem Glas Sekt keine Beachtung mehr geschenkt, zur Verwunderung aller beteiligten...
Selbst ich ertappe mich immer wieder dabei, dass Ich sie bei verschiedenen alkoholischen Getränken(Fruchtweine oder ähnliches) die einfach nur gut schmecken kosten lassen möchte. die Auswirkungen die diese hätten wären aber wahrscheinlich fatal.

Die Essstörung
Zwischen dem Alkohol hat Sie sich hin und wieder auch mal geritzt. Irgendwann hörte aber auch das einmal (fast) auf... und ein neuer Abschnitt begann... das Hungern.
Im laufer der Zeit schlich sich unbemerkt die Magersucht in Ihr Leben. Dieser Abschnitt hält noch bis heute an. Es ist wohl einer der schlimmsten Dinge die ich bisher durchgemacht habe.
Seit nunmehr 1,5 Jahren lebt Sie und Ich mit dieser Sucht. Ja Sucht... Es heißt ja nicht um sonst Magersucht.
Die Gewichtskurve ging Anfangs gemächlich aber mit zunehmender Zeit in immer schnellerem Tempo nach unten. Bis Sie schließlich kurz vor der klinischen Einweisung in die Psychatrie stand... übrigens nicht das erste mal (mehr dazu ein ander mal).
lange Zeit versuchte Ich auf Sie einzureden, Sie in irgendeiner Weise dazu zu bewegen zu Essen. Teilweise zwang ich Sie regelrecht etwas zu essen.... ich hatte ja keine Ahnung was ich ihr damit antat.
Vorher sollte ich auch wissen dass ich es mit meinem verhalten nur noch schlimmer machte. Um so mehr ich Sie unter Druck setzte, um so heißer wurde die Sache.
Wenn Sie aß... war Sie unglücklich.... Wenn Sie nichts aß... war Ich unglücklich...
Ich verstehe bis heute nicht, was einen Menschen dazu bewegt, immer weiter abzunehemen... wie soll ich dies auch verstehen, wenn ich mich nicht darauf einlasse und nur versuche Sie in irgendeine Form auf einem bestimmten Gewichts-Level zu halten....

Das war einmal... Mitlerweile verstehe ich ganz gut warum und wann Sie isst oder nicht isst. Es hängt enorm von dem an diesem Tag erlebten ab.

neulich hatten wir einen wunderschönen Tag. Wir waren mit Freunden an einem See baden... haben ein tolles Fußballspiel (Deutschland-England 4:1 :D) gesehen und haben uns sogar BEIDE jeweils eine Pizza bestellt. Es war einer ihrer seltenen guten Tage.
Der schlechte folgte am nächsten Tag...

An solchen tagen ist es für mich teilweise unterträglich mit Ihr in irgendeiner weise auszukommen. In jedem Moment schwebt der Begriff "Magersucht" im Raum. Sei es beim spazieren gehen... dass ich an solchen Tagen auch gern Kilometer-Lauf nenne. Sei es beim Shopping in der Stadt, bei dem in jedem Schaufenster nicht die ausgestellte Ware sondern nur das eigene Spiegelbild nach der kleinsten Unebenheit betrachtet wird... oder sei es beim Essen... dass an jenen tagen so gut wie nicht stattfinden... bis auf ein paar trockene Lasagne-platten oder ungekochtem Brokkoli. Und danach wundert Sie sich noch dass Sie nicht mehr vom Klo runter kommt...

Ich könnte noch Stundenlang weiterschreiben... möchte aber meine Gedanken noch für die nächste Zeit aufheben.

Ich möchte die Problematik mit der Magersucht und ähnliche dinge ein winig Humor unterschieben. Ich habe gelernt, dass Humor in unserer Beziehung das beste Mittel in der Stress- und Aufgaben-Bewältigung ist. Nichts ist besser als ihr süßes Lächeln, nach einem belanglosen Streiterei oder nach dem Ich es wieder einmal geschafft habe Sie aus einer ihrer unzäligen täglichen Krisen zu ziehen...

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